66. Entschlossenheit
Der Rat der Steine zeigte sich zufrieden mit dem Tischgespräch. Als ich nach einem weiteren Krug des süffigen Pilzbieres geleert hatte, ließ ich meinen Blick durch die Runde schweifen. Fumir sah ich bereits schlafen; seine Nase vibrierte leicht bei jedem der regelmäßigen Atemzüge. Darauf machte ich Gimal aufmerksam, der sich Unterstützung suchte, um seinen Ziehvater zu Bett zu bringen. Faruba unterhielt sich angeregt mit Olthek und Spigna, um mehr über die Erzformer und die Wissenden zu erfahren. Der Krug einer anderen Person stieß klackend an meinen und Rima nahm neben mir Platz. „Ihr habt viel erlebt, Herr Daril und kennt die heutige Welt unseres Volkes besser als sonst jemand.“, stellte sie trocken fest und fragte daraufhin: „Glaubt Ihr, dass der Weg der Rückbesinnung fruchten wird und wir an die alten Zeiten von Takal Dûm anknüpfen können?“ Ich blickte durchdringend zu ihr und hob die linke Augenbraue an, ehe ich antwortete: „Mir geht es nicht um Einigkeit und Rückbesinnung, sondern um einen Umgang miteinander auf Augenhöhe. Viel zu lange waren die Clans voneinander isoliert. Wir sind ein Volk und ich wünsche mir einen friedvollen Austausch, eine Annäherung nach all der Zeit der Trennung. Als Kinder des Schmiedevaters verbindet uns ein gemeinsames Erbe, aber nichts zwingt uns zurück in alte Strukturen. Wir sollten die veränderten Bedingungen akzeptieren und einfach wieder den Kontakt suchen. Mehr verlange ich von niemandem.“ Sie strahlte mich förmlich an, während ich sprach. „Solch ein Feuer in Euren Worten! Dabei wollt ihr nur reden und Gemeinsamkeiten finden. Die Einfachheit Eurer Motive beeindruckt mich.“, meinte Rima anerkennend. Ich lächelte die Frau an, weil ich mich von ihren Worten sehr geschmeichelt fühlte.
Mit den Steinformern fühlte ich mich sehr verbunden. Ihr direktes, unkompliziertes Auftreten und die lebendige Pflege alter Traditionen gefielen mir ebenso wie ihre pragmatische Hilfsbereitschaft.
Khûna hob ihren Bierkrug und hielt ihn zur Tischmitte hin. Alle stießen mit ihr an. „Auf gute Zusammenarbeit!“, rief sie den versammelten Zwergen entgegen und nahm einen großen Schluck. Rognil nickte und meinte: „Morgen ziehen wir weiter, um die Steine ins Rollen zu bringen. In Gabil'urdûm werden wir unserem Ziel einen weiteren Schritt näher kommen. Der Zabad’abbud wird sich sicher über unseren Besuch freuen.“ Auch ich freute mich sehr darüber, dem Krakonoš bald erneut zu begegnen. Er war zu einer Konstanten in meinem bewegten Leben geworden, wie es auch mit Linnarhan der Fall war. Viele Gedanken gingen mir an jenem Abend durch den Kopf, aber keiner davon war mir zu schwer. Mit meinen Kameraden und der geliebten Elfin würde einfach alles zu einem guten Abschluss kommen. Still gab ich mich der melancholisch-süßen Stimmung hin, bis Gimal zurückkehrte und erneut am Tisch Platz nahm. Wir tranken und alle sprachen ausgiebig über die verschiedensten Themen, bis mir die Augenlider schwer wurden und die Schlafstatt nach mir rief.
Auch am folgenden Morgen erklang der sanfte Ton des Resonanzsteins, der mich mit ansteigender Lautstärke langsam weckte. Ich erhob mich aus dem Bett und ging mich waschen, während meine beiden Freunde träge nach etwas mehr Ruhe verlangten. Bequem angezogen verließ ich den Schlafraum, durchquerte die Schänke und trat auf den bepflanzten Vorplatz. Der Blick nach oben zeigte mir einen dicht bewölkten Himmel, aus dem es zu regnen schien. Keiner der Tropfen kam bei mir an, aber der Bewässerungskanal neben der Treppe toste förmlich die Felsspalte hinunter. Ich sog die frische, erdige Luft tief ein und bat kurz danach Pila im Schankraum um ein Frühstück. „Ihr seht zufrieden aus, Herr Daril.“, merkte sie an, als sie mir Gebäck und Aufguss zum Tisch brachte. Ich nickte und entgegnete: „Ich bin guter Dinge, was unsere weitere Reise angeht und freue mich, dass wir sie heute fortsetzen werden. Ich mag euch Steinformer, aber ich bin einfach gern unterwegs.“ Pila lachte leise, als sie sich von mir abwandte.
Nach dem Essen spazierte ich ein wenig durch die Terrassenstadt und schaute mir jede der sieben Ebenen näher an. Als ich zurück zur Taverne kam, saßen meine Freunde am Tisch und aßen. Am Nachmittag waren wir bereit, die Siedlung zu verlassen und statteten Fumir einen letzten Besuch ab. Gimal verabschiedete sich herzlich von seinem Onkel, der uns allen eine gute Reise wünschte. Der Rat der Steine hatte uns bereits am Vorabend offiziell seinen Segen gegeben. Voll bepackt marschierten wir zehn Zwerge zur Rutsche und glitten nacheinander in die Tiefe, bis zum Boden des Felseinschnitts. Dort stellten Foret und Rybor die Loren zusammen. Spigna und Olthek luden das gesamte Gepäck in den mittleren Waggon, dann nahmen alle ihre Plätze ein. Gimal setzte den Zug in Bewegung und ließ ihn langsam in den Bahntunnel rollen. Vor der magischen Wand, welche die Siedlung vom Haupttunnel der Bahnstrecke trennte, hielt er kurz an und öffnete die Passage, die er nach der Durchfahrt wieder verschloss. In zügigem Tempo klapperten wir den Schienenstrang entlang und passierten dabei nach einiger Zeit auch den Haltepunkt beim Sandsteinbruch. Am Abend erreichten wir die Station von Gabil'urdûm, wo meine erste Lorenfahrt einst ihren Anfang genommen hatte.
Geräuschvoll kratzte Stein auf Stein, als die Steintür nach unten glitt und den Weg in die Stadt freigab. Wie erwartet, tauchten kurz darauf einige der Kobolde auf, die dem Krakonoš dienten. „Der Herr erwartet niemanden, geht wieder!“, krächzte einer von ihnen Rybor an. Foret und ich traten nach vorn und schauten die schlaksigen Gestalten mit ernstem Blick an. Ich entgegnete: „Ich würde den Herrn der Berge zwar gern sehen, aber wir sind aus einem anderen Grund hier. Ihr könnt ihn über unseren Besuch informieren und ihm erzählen, dass wir über ein späteres Treffen mit ihm sehr erfreut wären. Lasst uns nun bitte durch.“ In ihren Augen merkte ich, dass sie mich erkannt hatten. Widerwillig machten die Kobolde den Weg frei und verschwanden so plötzlich, wie sie erschienen waren.
„Ich war schon lange nicht mehr hier gewesen, aber wir werden die Landmarke bald finden.“, erklärte Gimal, der wieder die Führung übernahm. Erstaunt stellte ich fest, wie wenig ich von der Stadt der Steinformer bisher erkundet hatte, denn bald durchliefen wir Gänge, die ich bei den vorherigen Besuchen nie gesehen hatte.
Wir erreichten eine Halle mit hell gepflastertem Boden, in deren Mitte sich eine Wendeltreppe in die Tiefe schraubte. „Dort müssen wir hinunter. Gleich sind wir da!“, rief Gimal freudig und ging etwas schneller.
Die Spirale war in die Felswand gehauen worden. Jeder Schritt wirbelte feine Staubwolken auf, die sofort zerfaserten. Die glitzernden Körnchen rieselten langsam und lautlos wieder zu Boden. Schichten von Glimmer im Gestein reflektierten zurückhaltend das spärliche Licht, was uns für den Abstieg genügte. Stufe um Stufe gingen wir hintereinander her und die Zeit dehnte sich ins Unermessliche. Als ich es schon nicht mehr erwartet hatte, standen wir vor dem pyramidenförmigen Obelisken. Die Kammer bot gerade genug Raum, dass wir uns um die Landmarke herum aufzustellen konnten. Sie wirkte schlank wie die Säule von Sajranzizar und gleichzeitig erhaben wie der Stein in der Halle des Vermächtnisses. Gimal nickte mir auffordernd zu und ich legte meine linke Hand auf die glatt polierte Oberfläche. Violett flammten die Runen um Sockel auf und wir lasen reihum die Inschriften vor.
"Der Stein widersteht und bewahrt das Erbe.", rezitierte Khûna.
"Die Zukunft ergibt sich aus der Vergangenheit.", gab Rybor den Text wieder.
"Der Weg zum Ursprung wurde gebahnt.", sprach Spigna.
"Besinnt euch und wagt einen neuen Anfang.", konnte Foret entziffern.
Ein Schauspiel wie in Amon Calen oder in den Agâr’ursul bot sich uns hier nicht.
Ich hielt inne und ging jeden Satz noch einmal in Gedanken durch. Etwas in den Worten ließ mich an den Hartfels denken, dessen Säule die Zahl sieben hervorhob und den Schmiedevater sowie ein „verlorenes Reich“ erwähnte. Da musste es einen Zusammenhang geben, der sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschloss.
Für eine Weile musste ich wohl reglos dagestanden haben, denn Olthek sprach mich unvermittelt an. „Ist alles gut bei dir, Daril?“, fragte er besorgt. Ich nickte und meinte: „Es geht mir gut. Mir kam nur ein Gedanke, der mich ein wenig beschäftigte. Ich erzähle euch beim Abendessen davon.“
Wir legten eine kurze Rast ein, bevor wir die Treppe wieder erklommen. Der Aufstieg zog sich ebenfalls hin, aber er war nicht beschwerlich, denn die Stufen hatten ein Maß, das sie bequem begehbar machte.
In der oberen Halle angekommen, stellte sich Gimal vor uns und erklärte ihre Funktion. „Dies war einst die Versammlungshalle der Steinformer, ehe meine Vorfahren weiter westwärts zogen und sich in den Tunneln verteilten. Die Abstimmungen sollten gemeinschaftlich erfolgen, was auf Dauer leider nicht gut verlief. Die Dispute endeten damals in vielfachem Streit unter den Steinformern, sodass jede Gruppe für sich Gabil'urdûm auf eigenen Pfaden verließ. In den Gärten etablierten sie daher das lang bewährte Ratssystem, was die Ordnung wieder herstellte. Auch die kleineren Siedlungen schlossen sich uns daraufhin erneut an.“, stellte er die Geschichte seines Clans dar, was die verlassenen Hallen im Riesengebirge erklärte, die nun dem alten Berggeist ein Heim boten.
Rognil nickte und stellte fest: „Ihr hattet euch demnach auch mit Schwierigkeiten zu plagen, nachdem die Clans aus der Heimat fortgegangen waren. Viele Zwerge taten sich mit den neuen Bedingungen schwer und nun gibt es sieben Clans, die sich während der vergangenen vier Generationen voneinander entfernt haben. Geben wir alles, damit sie wieder zueinander finden!“ Motiviert strebten wir durch die Versammlungshalle und gingen zur Bahnstation zurück.
Einer der Kobolde erschien mit einem ploppenden Geräusch neben mir. „Der Herr lädt euch alle zum Abendessen ein. Ich bringe euch zum großen Saal.“, schnarrte er patzig, als wir anhielten. Dann setzte er sich an die Spitze der Gruppe und brachte uns zum Herrn der Berge.
Ich strahlte den Krakonoš an, als er mir ein herzliches Lächeln schenkte. Nie zuvor hatte ich den Herrn der Berge so lebensfroh erlebt. „Die Zwerge sind zurück!“, rief er beinahe und breitete dabei einladend seine langen Arme aus.
Spigna und Olthek traten näher zu ihm und begrüßten den Duch Gór höflich.
Mir selbst war nicht klar gewesen, wie viel Zeit seit dem letzten Besuch im Riesengebirge tatsächlich ins Land gegangen war. Doch mein Herz sagte mir, dass es zu viele Jahre gewesen waren. Dennoch war diese respektvolle Freundschaft ungebrochen geblieben. „Daril, lass mich hören, was ihr erlebt habt und wie es dazu kam, dass nun so viele Zwerge mit dir hier sind.“, meinte der Krakonoš mit einem Überschwang, den ich von ihm bisher nicht gekannt hatte.
Er wies uns, an der Tafel die Plätze einzunehmen. Spinella und ich saßen uns gegenüber, direkt neben dem Hausherrn, der am Kopfende thronte. Die Kobolde brachten Tonkrüge und irdene Becher zu uns, dann schenkten wir uns davon ein. Das Bier aus den Krügen war dunkel und süffig, ein Genuss, der nach bester böhmischer Braukunst schmeckte.
„Nun erzählt doch, was euch zurück in das Riesengebirge gebracht hat. Was habt ihr in der Zwischenzeit erlebt? Wohin wird euch der weitere Weg führen?“, drängte der Krakonoš voller Neugierde. Foret musste lachen und er begann damit, von unserer Begegnung mit der Drachendame Ziraka zu berichten, die ich meine Schwester nenne.
Von unserem späteren Besuch im Harz bei den Ernährern berichtete im Anschluss Pelok ausführlich, bis die Kobolde mit mürrischen Mienen das Essen auftrugen. Das Mahl bestand aus dampfenden Knödelscheiben, gedünstetem Kohlgemüse, zart geschmortem Rindfleisch und reichlich heller Soße. Ich erklärte meinen Freunden, dass es sich hierbei um ein traditionelles böhmisches Festtagsessen namens Svíčková handelte. Wie sehr hatte ich ein solches Essen doch vermisst!
Nachdem der junge Versorger noch erzählt hatte, wie wir zu dritt nach Amon Calen gelangt waren, übernahm Khûna die Rolle der Erzählerin. Sie beschrieb ihre Heimat und unser gemeinsames Abenteuer in den Pyrenäen, als sie sich satt gegessen hatte. Rognil ergänzte danach um den Abschnitt, den er gemeinsam mit Spinella und Olthek erlebt hatte, bis sie vom Schattenkartell gefangen genommen worden waren.
Der Nachtisch, den die Kobolde kurz darauf zur Tafel brachten, bestand aus frisch gebackenem Pflaumenkuchen und Bergkräuteraufguss. Im Anschluss sprach Imus von dem Auftauchen Gimals und den Vorbereitungen, die Feuerhöhlen zu finden. Auch meine Hochzeit mit Linnarhan wurde erwähnt.
„Bei deinem nächsten Besuch musst du mir aber unbedingt deine Braut vorstellen!“, forderte der Berggeist und ich willigte mit einem Nicken ein.
Der Händler erzählte noch davon, wie wir in die Feuerhöhlen vordrangen, bis Rybor die Geschichte fortführte. „Obwohl König Garon mich dazu abkommandierte, auf diese Zwerge achtzugeben, war es mir eine große Freude, sie näher kennenlernen zu dürfen. Heute fühle ich mich ihnen zugehörig und kann mir keine besseren Freunde wünschen, auch wenn ich meine Heimat manchmal vermisse.“, gab der Soldat zu.
Von unserer letzten Etappe berichtete Gimal, der mit einigen großen Schlucken seinen Becher leerte, als er am Ende der Erzählung angelangt war.
„Eure letzten Jahre verliefen demnach sehr ereignisreich.“, zog der Berggeist seine Schlüsse aus dem Gehörten. „Gemeinsam habt ihr bereits viel erreicht und ich vermute, dass nun die letzten wichtigen Schritte für euer Vorhaben folgen werden. Dafür wünsche ich euch Allen gutes Gelingen. Falls ihr noch etwas benötigen solltet, zögert nicht, eure Wünsche zu nennen. Die Kammern, in denen ihr nächtigen könnt, habe ich bereits herrichten lassen.“, machte der Hausherr uns klar. Wir verweilten daher eine Nacht in Gabil'urdûm, ehe wir zu den Kallâ Atâr aufbrechen würden.
Wir tranken und redeten noch lange, ehe sich unter uns die Müdigkeit breitmachte. Pelok gähnte herzhaft und ich sah, wie Spigna sich mit geschlossenen Augen an Oltheks Schulter lehnte.
Mir selbst war das Bier ein wenig zu Kopfe gestiegen und ein wohliges Gefühl durchströmte mich. Als ich mich von meinem Stuhl erhob, folgten meine Gefährten meinem Tun und wünschten dem Krakonoš eine gute Nacht. Ich hielt inne und wandte mich an den Zabad’abbud: „Habt Dank, verehrter Freund für die wundervolle Zeit, die wir hier in deinem Reich verbringen dürfen. Das Mahl war für mich die kulinarische Heimkehr nach der langen Reise. Euch erneut zu treffen und zu sehen, dass es Euch wohl ergeht, beschert mir große Freude. Ich hatte Euch und Böhmen wohl doch mehr vermisst, als es mir zuvor bewusst gewesen war.“
Rübezahl trat mir entgegen, erhob seine Arme weit und zog mich herzlich an sich heran. „Du bist wahrhaftig ein Kind des Schmiedes, Daril. Er wird sicher sehr erfreut sein, wenn ihr euch trefft.“, sprach er leise in mein Ohr, sodass niemand sonst es hören konnte. Der Berggeist ließ von mir ab und wir verabschiedeten uns mit einem respektvollen Nicken. Ich musste wohl große Augen gemacht haben, denn auf dem Weg zu den Unterkünften fragte Rybor mich unvermittelt: „Was hat er zu dir gesagt, Daril? Du schienst sehr überrascht gewesen zu sein.“ Ich überlegte kurz, ehe ich ihm eine Antwort gab. „Er meinte, ich sei ein wahrer Zwerg und dass der Schmiedevater stolz auf mich wäre. Glaubt ihr, der Zabad’abbud kennt unseren Schöpfer persönlich?“, gab ich ihm meine Interpretation als Antwort. Der Soldat stutzte und schaute mich etwas verwundert an. „Ich halte es durchaus für möglich.“, warf Rognil ein, woraufhin alle Zwerge einstimmig nickten.
Foret und Spinella zeigten Pelok, Khûna, Rybor und Imus die Schlafräume, da diese Gabil’urdûm noch nicht kannten. Währenddessen suchte ich mir meinen eigenen Schlafplatz aus und ging danach zum Waschraum, um mich vom Schutz des Tages zu befreien. Nicht viel später fiel ich müde und glücklich in mein Bett. Nur eines fehlte mir – Linnarhan. Beim nächsten Besuch dieser Hallen würde sie mit mir hier sein, schwor ich mir. Beim Gedanken an die Liebste schlief ich ein.
Ich schrak aus dem Schlaf hoch, weil es auf dem Korridor laut gescheppert hatte. Das metallene Dröhnen entfernte sich ein Stück und kehrte kurz darauf zurück vor meine Tür. Neugierig, doch noch etwas verschlafen, stand ich auf und lugte auf den Gang hinaus. Einer der Kobolde ging dort auf und ab, wobei er zwei Topfdeckel aneinander schlug. Er schien daran seine wahre Freude zu haben. Neben mir öffneten sich bald auch die anderen Türen der Stuben. Rybor trat der Grünhaut im Unterhemd entgegen und fragte barsch: „Was soll der Lärm? Hast du nichts Besseres zu tun, als unbescholtene Zwerge aus ihren Träumen zu reißen?“ Mit strengem Blick wies der Soldat den Diener des Berggeistes zurecht. Der krächzte aber nur: „Frühstück. Der Herr will noch einmal mit euch reden.“ Nun machte er kehrt und ging seines Weges, wobei er noch ein weiteres Mal die Deckel kräftig zusammenschlug, ehe er ganz verschwand.
Unausgeschlafen trotteten alle nacheinander zum Waschraum, um sich zu erfrischen. Es dauerte nicht allzu lange, bis wir alle erneut auf dem Flur versammelt waren und uns zum großen Saal aufmachten, wo wir mit dem Duch Gór zu Abend gegessen hatten.
Bei unserem Eintreffen duftete es bereits köstlich nach Kräutern, Speck und frischem Brot. Etwas unwillig, dennoch flink deckten die Kobolde die Tafel mit allerlei Leckereien. Aufguss, Tee und Kaffee dampften in den irdenen Kannen. Beerenobst und frisches Gemüse fanden wir ebenso auf dem Tisch wie Fruchtaufstrich und Senfgurken. Für alle Geschmäcker war gesorgt als wir unsere Plätze einnahmen und auf den Herrn der Berge warteten.
„Dobre ráno, bakn galikh!“, begrüßte uns der Hausherr zweisprachig und erklärte sich: „Ich konnte nicht länger warten und wollte euch noch einmal sehen, ehe ihr abreist, werte Freunde. Langt zu und stärkt euch!“ Nickend setzten wir uns an die Tafel, die Blicke fragend auf den Berggeist gerichtet, der vor seinem erhöhten Lehnstuhl stehenblieb und sich an die gesamte Gruppe richtete: „Ich schaue in eure Gesichter und sehe zehn Zwerge, die aus Überzeugung ihren gemeinsamen Weg gehen. Einst vernahm ich die Stimme eines Einzelnen, der meinen Namen laut aussprach und damit meine Aufmerksamkeit erlangte. Er sitzt unter euch und bin glücklich, ihn einen Freund nennen zu dürfen. Neugier und Beharrlichkeit formen die Welt nachhaltig, beides gehört zu ihm wie ich zum Riesengebirge. Ihr tut Recht daran, mit Daril zu reisen und die Welt der Zwerge erneut zu beleben. Mein Segen sei euch gewiss, denn er hat mehr als einmal bewiesen, wofür er steht und wandelt in der Welt. Dass ihr zu ihm steht spricht für euch. Langt zu und seht zu, dass ihr die Kalten Tunnel erreicht. Ich mag euch nicht länger aufhalten.“
Die Augen meiner Freunde verharrten für einige weitere Augenblicke beim Herrn der Berge, während ich in ihre erstaunten Gesichter blickte. Ich griff nach dem duftenden Gebäck auf der Tafel und biss hinein. Das löste die starre Ehrfurcht im Raum auf, wozu der Krakonoš belustigt lächelte als er sich setzte.
Erleichtert schwatzend frühstückten wir und packten ein paar Vorräte für die Reise zusammen. Winkend verließen wir die Halle, um die verbliebenen Dinge zu versorgen. Als der Zeitpunkt des Abschieds näherkam, versammelten wir uns vor dem Zugang zur Lorenbahn, wo Rübezahl schon wartete. Mit einer Verbeugung verließen wir Gabil'urdûm, dann machten wir die Waggons abfahrbereit.
„Viel Glück auf euren Wegen!“, rief der Zabad’abbud noch, als wir die Station ostwärts verließen.