Die Drachentreiter von Aethyria | 29.11.2024

04. Die Drachenebene

Ein gewaltiger Steindrache mit smaragdgrünen Augen bricht aus einer grauen Felslandschaft hervor. Um ihn wirbeln Staub und Gesteinsbrocken unter einem violett leuchtenden Himmel der Drachenebene.
Erdstachel zeigt sich.

 

Seine unnachgiebigen Fäuste durchbrachen den Fels Stück für Stück. Schweiß lief ihm von seinem haarlosen Haupt in das Gesicht und über den Rücken. Das spärliche Licht reflektierte grün von seinem triefenden muskulösen Körper, während Balder sich vorwärts grub. Ohne Unterlass schob er den Schutt hinter sich und bahnte sich seinen Weg. Nach stundenlanger Verausgabung hatte er es geschafft und die Höhle erreicht, die er finden wollte. Der Hüne atmete einmal tief durch und streckte sich, ehe er die Kaverne erkunden ging. „Das Portal muss hier irgendwo sein.“, sagte er zu sich selbst und schaute sich angestrengt um. Balder bewegte sich vorwärts, schob Steine, die ihn behinderten einfach beiseite und hatte kein Auge für die Schönheit seiner Umgebung, die in Grüntönen eine mystische Atmosphäre schuf. Bald aber bemerkte er einen dunklen Strudel, mehrere Schritte links von ihm mitten in der Felswand, der sein Interesse weckte. Das musste das Portal sein!

Balder setzte sich vor dem Phänomen im Schneidersitz hin und begann zu meditieren. Das Tor zwischen den Dimensionen physisch zu durchschreiten war zu gefährlich, aber Seelenreisen hatten die Eserja bereits vielfach erprobt.

Langsam und gleichmäßig schlug sein Herz, von außen war sein Atem kaum wahrzunehmen. Wie feiner bläulicher Staub im Windsog flog bläulicher Staub aus seinen Augen heraus auf das rotierende Portal zu. Das mentale Echo Balders durchdrang den dunklen Strudel, der ihn durch das Multiversum zog. Auf einem grauen Felsplateau nahm der Gedankenstrom eine physische Gestalt an, die dem Menschen auf der anderen Seite des Portals wie ein Zwilling glich. Unter seinen Füßen rumorte es, das Rumpeln wuchs zu einem Beben heran je länger der kräftige Mann dort stand. Aus dem Strudel, der die Dimensionen verband, streckte sich weiterhin der Luftstrom wie eine Nabelschnur. Balders Echo machte einen Schritt voran, der wider Erwartens eine Spur hinterließ.

Das Grummeln im Erdreich stockte kurz, dann setzte es wieder an, offensichtlich kam es direkt auf ihn zu. Geröll und Staub türmten sich auf und verschleierten die Sicht auf die Ursache des Phänomens. Unterhalb des Felsens verstummten die Erschütterungen abermals. Ein Grollen wie Donner hallte hinauf, aus der lichter werdenden Geröllwolke schälte sich der massive Körper eines riesigen Drachens, dessen Schwanzspitze drei gewaltige Dornen trug, die bei jedem Schritt den Boden aufrissen. Der massive Leib schien vollständig aus Steinelementen zu bestehen er wies einige Risse auf, die ihm aber nichts von seiner Kraft und der imposanten Präsenz nahmen. In Balders Gesicht zeigte sich ein Lächeln. ‚Habe ich dich gefunden!‘, schoss es ihm durch den Sinn, als er einen weiteren Schritt tat, dem Ungetüm entgegen. Der Drache hob den Kopf und sah die menschliche Gestalt mit neugierigen smaragdgrünen Augen an. Erst schwoll das Grollen im Untergrund erneut an, denn der Drache ließ seinen dornenbewehrten Schwanz hin und her schwingen, als würde er überlegen. „Ich glaube, wir passen gut zu einander, Erdstachel.“, richtete der Mensch seine ersten Worte an den Steindrachen. „Ich werde dich in meine Welt holen, damit wir für den Wettbewerb trainieren können.“ Mit einem langsamen Nicken und einem zustimmenden Brummen bestätigte das Ungetüm sein Einverständnis.

Balders manifestierte Gedanken verschwammen und zogen sich durch den Wirbel zurück zu ihrer Quelle. Die Augen des Hünen schlugen auf, der Atem wurde wieder kräftiger. Dieser Schritt war vollbracht. Nun galt es noch, den Drachen nach Aethyria zu bringen. Als Gelehrter waren ihm die Schriften im Folianten der Drachen gut bekannt. Für sein Vorhaben hatte er beim Studium des Buches detaillierte Notizen angefertigt, denen er umsichtig Folge leistete. Er nutzte die Energie des Portals, um Erdstachel in die Höhle zu transferieren. Genau deshalb hatte Balder die Strapazen auf sich genommen und diese Höhle aufgesucht, denn hier hatte er Platz und Ruhe für sein Beschwörungsritual, ohne gestört zu werden. Von der Existenz dieser Verbindung zwischen seiner Welt und der Astralebene der Drachen hatte er zufällig bei seinen Recherchen erfahren. Ein antikes Buch über die Geschichte seines Volkes hatte von den Portalen berichtet, durch welche die alten Eserja zum ersten Mal mit den Drachen in Berührung gekommen waren

- Fortsetzung folgt -