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50. Der Turm des Nekromanten

Die verfallenen Mauern einer mittelalterlichen Burg. Der Burgfried ist noch erhalten und steht im Zentrum der düsteren Szene. Erstellt mit ChatGPT.
Eine Burgruine in den Pyrenäen. (KI-generiert)

Content-Warnung: Dieses Kapitel enthält detaillierte Beschreibungen von Kampf und Gewalt, einschließlich blutiger Auseinandersetzungen. Leser*innen, die empfindlich auf solche Darstellungen reagieren, sollten dies beachten.

 

Ich hatte keine Ahnung, wie viele Orks auf uns warten würden, doch Mog und Ulig drängten an mir mit gezückten Streithämmern vorbei. Ihre Rüstungen würden ihnen einen gewissen Schutz bieten, dachte ich, als sie den Gegnern entgegen rannten. Foret und ich liefen hinterher. Der Pfeilbeschuss verebbte und das Klirren der Waffen erfüllte den baufälligen Innenhof der Ruine. Über uns spannte sich der nächtliche Himmel, bedeckt von dichten Wolken. Die verfallenen Mauern erschufen ein gespenstisches Bild. Mit gezogenen Äxten wütete ich gegen die namenlosen Wesen. Sollten sie doch die Waffen niederlegen. Ich wollte ihnen nichts antun, solange sie mich in Frieden ziehen ließen. Doch das würde nicht geschehen. Die niedergeschlagenen Leiber erhoben sich erneut, wenn ihnen nicht der Kopf abgetrennt wurde. Mogs Klinge sauste auf einen Untoten nieder, als ein gefallener Ork ein weiteres Mal nach dem Zwerg ausholte, und setzte dem unwürdigen Zustand ein Ende. Ich fühlte mich von meinem inneren Zwiespalt angewidert. Kämpfen oder gehen?

 

Foret stand an meiner Seite, schlug präzise mit einem stachelbewehrten Streitkolben auf die Feinde ein. Einen von ihnen traf mein Freund so am Kopf, dass der Ork zusammensackte.

Ich konnte die begonnene Mission nicht einfach abbrechen. Wieder und wieder schlug ich zu und meine Gedanken rissen dabei nicht ab. Stille. Die Orks lagen tot zu unseren Füßen, doch ein Triumph war es für mich nicht. Mein vernebelter Kopf klarte wieder auf, so wie die Sterne von den vorbeiziehenden Wolken freigegeben wurden.

Ich schaute mich um. Den Burghof umgaben vier halbwegs erhalten gebliebene Türme. In einem der drei wuchtigen Bauwerke, die wir noch nicht erkundet hatten, musste der Meister der Orks und Untoten auf uns warten.

 

Aus dem Eingang zum Kerkerturm traten unsere Freunde, die anerkennend nickten, als sie die erledigten Orks bemerkten. Aus der Ferne rumorte es plötzlich und ein unheimlicher Schrei durchbrach die Stille der Nacht. Spinella zeigte auf einen der Türme. “Der Schrei kam von dort. Ob dort jemand in Bedrängnis ist?”, vermutete sie. “Lasst uns nachsehen. Je eher wir von hier verschwinden können, um so lieber ist es mir.”, meinte Pelok, womit er auf Zustimmung stieß. Wir überquerten die Freifläche und hielten auf den Turm vor uns zu. Der gemauerte Bogen des Eingangs führte direkt auf die ansteigende Treppe. Ulig betrat sie zuerst, Foret und Linnarhan bildeten den Abschluss mit ihren Fernwaffen. Ein unartikuliertes Jammern und Schluchzen dröhnte vom Obergeschoss des Turms herab, dann folgte erneut ein heftiges Gebrüll, das uns alle zusammenzucken ließ.

 

Durch eine Falltür betraten Ulig und ich die Kammer in der Turmspitze. Sie war vollgestellt mit zerschlagenen Gerätschaften und eine hochgestellte Pritsche stand mitten im Raum. Dahinter kauerte zusammengesunken eine Gestalt, deren Aussehen schwer zu ertragen war. Statt der linken Hand ragte eine hakenförmig gebogene Klinge aus dem Ärmel des zerschlissenen Hemdes. Der Kopf wirkte viel zu klein für den massigen Körper und wies nur vereinzelt Büschel dunklen Haares auf. Schlecht vernähte Narben verstärkten den Schauer des Ekels noch, der mir bei dem Anblick durch den Körper fuhr. Wimmernd lag das Geschöpf vor uns. Ulig und Mog wagten sich näher heran, doch als es aufschreckte und sich zu uns umdrehte, bekamen wir es wirklich mit der Angst zu tun. Spitze Zähne funkelten uns entgegen, die nach den beiden Wachen schnappten, doch die rot unterlaufenen Augen des Wesens sprachen Bände über Leid und Hilflosigkeit. Wir wichen zurück, hinter den erhöhten Liegetisch, dabei schlug es mit der Klingenhand nach Mog, der den Angriff parieren konnte. Noch einmal schrie das Vampirwesen markerschütternd, hob seine Arme und sackte wieder in sich zusammen. Sein Blick fiel auf mich, womöglich hatte es meine interessierten Blicke bemerkt, wobei seine Augen ein Flehen auszudrücken schienen. ‚Hilfe. Blut. Tod.‘, rasten Worte durch meinen Kopf, die nicht mir gehörten.

 

Mit ruhigem, festen Ton redete ich auf meine Kameraden ein: „Haltet euch zurück, Leute, da steckt mehr dahinter.“ Gedankenverloren zog meinen Zirkon hervor und spielte mit ihm in meiner Hand, während sich die Situation beruhigte. Dem Geschöpf schaute ich dabei in die Augen. Sein Atem wurde langsamer. ‚Meister. Herrscher. Tod.“, kamen neue Gedankenfetzen bei mir an, die nur von ihm stammen konnten. Ich setzte mich auf den Dielenboden, hinter mir tuschelten meine Gefährten, dann kam Linnarhan die Stufen herauf. Sie setzte sich neben mich, legte ihre linke Hand in meine rechte und nickte mich wissend an. Der Edelstein in meiner Hand glühte auf, verbreitete Wärme und gelbes Licht im Raum, als er auf meiner offenen Linken lag.

 

Wir fielen in einen Traum. Düster, brutal, blutig. Eine schlanke dunkle Gestalt kramte im Turmzimmer in den Regalen, legte medizinische Gegenstände auf dem Operationstisch zurecht, wo bereits eine schwer verletzte Frau mit langen dunklen Haaren lag, die sich erfolglos wehrte. Dicke Lederriemen hielten sie fest, dann wurde es dunkel. In der nächsten Szene stürzte die Frau, erbrach sich geräuschvoll und versuchte sich mit der Hakenhand festzuhalten, was misslang. Sie fiel noch einmal hin und schnitt sich dabei ins eigene Fleisch.

‚Raus aus ihrem Kopf!‘, erschallte es unvermittelt und sehr erzürnt, bevor Linnarhan und ich uns in der Dunkelheit verloren.

Wir öffneten verwirrt unsere Augen und waren zurück bei unseren Freunden. Nun funkelte uns das Geschöpf böse an, richtete sich auf und holte nach der Elfin aus. Ich stieß meine Verlobte noch im richtigen Moment beiseite, die Hakenklinge schnitt in meine Jacke, rutschte aber am Kettenhemd ab.

 

„Machen wir dem ein Ende. Sie wünscht es sich so sehr.“, flüsterte meine Liebste, ihre Stimme war kaum mehr als ein Windhauch, wobei sie ihr Schwert zog. Ich rappelte mich auf, eilte ihr zur Seite, die Axt fest in meiner Hand.

Die groteske Marionette des Nekromanten erhob sich wieder und holte zu einem weiteren Streich aus, der gegen die beiden Wachsoldaten ging. Sie wichen gekonnt aus, indem sie sich duckten, dann führte Ulig seinen Hammer gegen das Ungetüm und traf in dessen Bauch. Das Hemd färbte sich rot vom Blut, doch der Strom versiegte sofort. Auch Mog setzte mit seiner Waffe nach und fügte dem Wesen Verletzungen zu, die einen Augenblick später bereits verheilten. Von hinten rief Khûna: „Der Kopf!“, daraufhin preschte sie nach vorn, die langstielige Axt bereit zum Schlag, und drosch auf das sich aufbäumende Wesen ein. Ein Bolzen aus Forets Armbrust lenkte das Geschöpf ab, was Khûna ausnutzte. Sie ließ den Axtgriff kreisen und schlug den schmalen Frauenkopf von den übergroßen männlichen Schultern des Ungetüms, das mit einem letzten Zucken gegen die Wand fiel. Im Gesicht des unförmigen Kopfes erblickte ich ein erlöstes Lächeln. Der Kampf war vorbei.

 

Traurig wendete ich mich von der grausigen Kulisse ab. Für diese arme, bedauernswerte Gestalt wünschte ich mir ein würdiges Begräbnis. Sie war nicht mehr die alleinige Herrin über ihre Sinne gewesen und gehorchte den Einflüsterungen ihres brutalen Meisters. „Wir gehen.“, sagte ich mit brüchiger Stimme und winkte den beiden Wachleuten, Khûna und Linnarhan, die Treppe wieder hinunter zu gehen. Der Rest der Gruppe drehte sich auf den Stufen um und stieg hinab. Auf dem Burghof versammelten wir uns wieder. Alle sahen mich erwartungsvoll an, doch ich musste zuerst meine Gedanken sammeln, bevor ich eine kurze Ansprache halten konnte: „Entschuldigt. Das was Linnarhan und ich erlebt haben, konntet ihr nicht sehen. Die Magie gewährte uns Einblicke in die Natur des Wesens. Der Nekromant hatte seine Finger im Spiel und kontrollierte es. Unser Eingreifen hat dem unwürdigen Leben des Geschöpfes ein Ende gesetzt. Lasst ihn uns finden und die Sache zu einem guten Ende bringen, Freunde.“

 

Wir zogen neu formiert zum nächsten Turm. Ob wir darin den dunklen Meister der Burg finden würden? Nur die Sterne blinkten vom Nachthimmel, als wir uns durch die alten Gemäuer schlichen. Unsere Schritte und das Klappern der Ausrüstung hallten vielfach in den leeren, verfallenen Hallen wider, die wir auf dem Weg passierten. Mit Foret ging ich nun an der Spitze, die Wachmänner flankierten die Seiten, wo Pelok und Khûna sie unterstützten. Hinter mir liefen die beiden Kristallzwerge Spinella und Rognil sowie Olthek und die angeschlagene Hyrasha. Mit wachem Blick und gespanntem Bogen bildete Linnarhan den Abschluss. Außer den Ruinen der Wehranlagen hatten wohl kaum Relikte aus dem Mittelalter der menschlichen Geschichte die Zeit überdauert, doch ein ramponiertes Militärzelt stand noch teilweise brauchbar in einer Ecke des zweiten Hofes, aus dem der breite Turm aufragte. Außen, am gemauerten Bruchstein herum, führten Stufen hinauf und auch in den Untergrund.

 

Wir legten eine kurze Pause ein und berieten uns. Das kaputte Zelt hatte meine Aufmerksamkeit erregt, denn es wirkte nicht sehr alt. Der letzte Krieg der Menschen war noch keine zehn Jahre her, daher war es möglich, dass es hier zu jener Zeit ein Militärlager in der Burg gegeben hatte. Ein kalter Wind fegte über das Kopfsteinpflaster und bewegte die Stoffbahnen. Etwas störte mich dabei. „Ich möchte das Zelt untersuchen, ehe wir den Turm betreten.“, forderte ich ohne lange Erklärung und ging darauf zu. Die Stangen am Eingang waren umgefallen, der Stoff zerrissen. Schnitte, die von einer Kralle zu stammen schienen, konnte ich an der linken Seite identifizieren. Durch den langen Riss sah ich hinein. Bis auf einige alte Schlafsäcke und einfache Tische konnte ich nichts im Inneren erkennen, denn für einen näheren Blick war es selbst für mich zu dunkel. Neben mir schaute auch Linnarhan hinein. „Es riecht nach Verwesung. Lassen wir die Toten ruhen.“, meinte sie, obwohl ich rein gar nichts gerochen hatte. Wir gingen wieder zu den anderen, die sich die ungewöhnliche Treppe angesehen hatten. Olthek sprach mit mir: „Es ist alles ruhig. Wollen wir einen Stoßtrupp nach oben schicken, um nachzusehen, was dort ist?“ Das war ein guter Vorschlag und ich sandte Pelok und Mog als Kundschafter nach oben. Nach wenigen Minuten winkte Pelok, stemmte sich gegen eine Tür, die mit einem dumpfen Schlag nach innen aufging. Eine Staubwolke wirbelte aus der Öffnung nach draußen, Mog hustete, dann erschien Pelok wieder, der mit den Schultern zuckte. Gemeinsam kamen sie herunter und der junge Zwerg berichtete: „Ein Turmgemach, in dem ein großes, verfallenes Bett steht. Ein paar vergilbte Bilder von Menschen hängen an den Wänden, ein altes Spinnrad habe ich gesehen und viel Staub auf dem Boden. Das war alles.“ Ich dankte ihm mit einem nachdenklichen Nicken. „Dann geht es wohl nach unten.“, sagte Rognil, der zugehört hatte. Seine helle Haut leuchtete beinahe im Dunkel der Nacht, aber sie wirkte nicht mehr so durchscheinend wie früher. Auch bei Spigna hatte ich bemerkt, dass sie wieder mehr wie ein gewöhnlicher Zwerg aussah.

 

„Machen wir weiter und gehen gemeinsam runter.“, legte ich fest und ging los.

Die hinabführende Treppe endete auf einem kleinen, von Mauerwerk umfassten Rundplatz. Auch hier war eine Tür, die in den Turm hinein führte. Plötzlich nahm ich einen üblen Gestank wahr, die Elfin hielt würgend sich die Hand vors Gesicht. „Es riecht nach Tod.“, presste sie hervor. Wankende Gestalten schlurften näher. Sie erschienen am Rand der Grube und stürzten sich zu uns herunter. Der Geruch der Verwesung trieb mir Tränen in die Augen und mein Atem stockte. Spinella spie ihnen ihre Galle entgegen. Die Zombies trugen die blaue Uniform der Franzosen, manche hatten noch ihre Stahlhelme auf. „Lasst euch nicht von ihnen erwischen.“, rief Hyrasha, die ihr Kurzschwert gezogen hatte. Ihr Ausdruck wirkte schmerzverzerrt, aber unerbittlich. Ich sah Mog und Ulig an, die untätig herumstanden. Doch sie waren in Gedanken versunken. Wollten sie die Golems herbeirufen?

 

Aus der Ferne rumpelte es, der Boden unter uns erzitterte. Mein gesamter Körper vibrierte, die Fugen zwischen den Bruchsteinen lösten sich auf und die Steinwächter brachen polternd durch die Mauer. Sie zerschmetterten die Untoten, bis keiner von ihnen mehr stand. Vor Schreck erstarrt stand Rognil zwischen uns. Mit aufgerissenen Augen fragte er: „Wo kamen die Untoten so plötzlich her?“ „Vermutlich aus dem Zelt, das Daril und ich vorhin untersucht hatten. Außer dem Geruch hatten wir nichts feststellen können.“, antwortete Linnarhan sachlich. Die beiden Wächter entspannten sich wieder, nachdem sie die Konstrukte abgestellt hatten. „Diese Golems sind wirklich effektiv.“, lobte Olthek und bedachte die beiden Stadtsoldaten mit einem bedeutungsvollen Nicken.

 

“Seid ihr bereit?”, fragte ich und zeigte auf die schwere, eisenbeschlagene Holztür, die den Zugang in das Kellergewölbe des alten Burgturmes ermöglichen sollte. Alle nickten, als ich zuversichtlich, doch mit einem mulmigen Gefühl in die Runde blickte. Ich schob den Riegel der Tür auf und drückte dagegen, die angerosteten Angeln quietschten dabei laut. Ich tat einen Schritt voran und trat dabei auf einen Gegenstand, der vor der Tür im Staub lag. Ein Kreuz der Christen erkannte ich das Objekt, bückte mich und hob es auf. Den restlichen Staub pustete ich herunter. ‚Eine feine Arbeit.‘, stellte ich fest, als ich die Handfertigkeit bewunderte, mit der das handtellergroße Kruzifix hergestellt worden war. Ich steckte es ein, dann betrat ich das dunkle Gewölbe.

 

Bis sich meine Augen an das wenige Licht gewöhnt hatten, tappte ich einige Schritte vorsichtig in die Finsternis hinein. Dabei stieß ich mit meinem Bauch gegen ein Gebilde aus Stein, das einem Trog ähnelte. „Eine Grabkammer.“, hörte ich Hyrasha hinter mir sagen. Leise, aber gut hörbar fuhr sie fort: „Burgherren haben im Mittelalter ihre Verstorbenen in solchen Gemäuern bestattet.“

Ich konnte wieder besser sehen und betrachtete den Sarkophag vor mir eingehender. Es war ein Kasten aus behauenem Stein, groß genug, dass ein Mensch darin liegen konnte. An den Außenseiten berichteten eingemeißelte Bilder und Schriftzeichen vom Leben der bestatteten Person. Eine Gestalt, die ein langes Schwert in den Händen hielt, zierte die oben aufliegende Platte. Ich konnte eine Jahreszahl erkennen. 1035, mehr gab der verwitterte und von dickem Staub bedeckte Stein nicht preis. Mein Entdeckergeist würde unserer Sache nicht dienen, also unterdrückte ich den Drang, das Grab näher untersuchen zu wollen.

An beiden Wänden stapelten sich verrottete Holzsärge, weiter hinten im Raum fanden wir einen weiteren Steinsarkophag. Rechts und links davon führten Türbögen tiefer in das Gewölbe hinein.

 

Meine Schritte hinterließen klar erkennbare Spuren in der dicken Staubschicht, die den Fußboden bedeckte. Außer den Geräuschen, die meine Kameraden und ich verursachten, war es unheimlich still um uns herum. Wir teilten uns ohne große Worte auf, um die beiden Durchgänge zu erkunden, doch sie trennten nur zwei Bereiche voneinander ab, sodass wir und dahinter wieder zusammenfanden. Langsam arbeiteten wir uns voran. Auch im nächsten Raum fanden wir zerstörte Holzsärge und die kunstvoll gearbeiteten Grabstätten der ehemaligen Burgherren. Ein einzelner Bogengang, vor dem zwei mannshohe Statuen standen, schloss sich uns gegenüber an. Ein kurzer Tunnel, der abwärts führte, endete vor einer Steinplatte mit einem Relief und einer Inschrift. Die Tafel schien mehrfach wie eine Tür bewegt worden zu sein, denn am Boden zeigten sich Schleifspuren und er war frei von jeglichem Staub. Ich bat Hyrasha zu mir, die die Sprache womöglich verstehen konnte. Um ihr das Lesen zu erleichtern, benutzte ich meinen Zirkon als Lichtquelle für sie.

 

 

Flüsternd las die Bewahrerin vor: „Primus requiescat in pace, vestrum erit interitus.“ Sie überlegte kurz, bevor sie die Worte übersetzte. „Stört nicht die Ruhe des Ersten, es wird euer Verderben sein.“, sagte sie dann mit erschrocken geweiteten Augen.

Sollten wir es wagen, dort einzutreten? Die Warnung erschien mir eindeutig, doch konnte dieser „Erste“ ein wichtiger Teil des Schattenkartells sein. Ich drehte mich zu meinen Gefährten um und berichtete ihnen davon. Foret und Khûna schoben den flachen Stein beiseite und ich spähte in den dahinterliegenden Raum.

 

Viele Kerzen auf ausladenden Haltern erhellten den langgezogenen Raum, der wie eine romanische Kirche wirkte. Im Kreuzgewölbe hing ein schwerer Leuchter mit brennenden Kerzen, deren flüssiges Wachs auf den ebenen Steinboden tropfte. Mittig stand auf einem flachen Podest ein Sarkophag aus hellem Stein, dessen Deckplatte verschoben war. In der Apsis des Raumes, befanden sich eine Kirchenorgel und eine mit fliederfarbenem Samt bezogene Sitzbank.

 

Staunend ging ich in diese seltsame Umgebung hinein und meine Freunde folgten mir. POFF! Rötlicher Nebel verdunkelte den Raum, der Eingang verschloss sich wie von Geisterhand und eine eigenartig gekleidete Person tauchte schemenhaft in der roten Wolke auf. Als der Dunst verflogen war, grinste uns ein Mann mit markanten Zügen und seltsamer Hautfarbe an. Seine spitzen weißen Zähne verrieten seine unnatürliche Herkunft. Sein Teint war blass und schimmerte leicht violett, die lange, spitze Nase und die elfenähnlichen Ohren trugen zu seinem grotesken Erscheinungsbild bei. Gekleidet war er in einem schwarzen Anzug und einem weißen Rüschenhemd, dessen Kragen ein goldenes Band mit einem roten Edelstein zierte. Das Innenfutter seines langen schwarzen Mantels war ebenfalls in Rot und Gold gehalten. „Willkommen, liebe Gäste.“, begrüßte er uns mit sanfter, schnarrender Stimme, die einen slawischen Akzent hatte. „Es ist schön, dass ihr den Weg zu mir gefunden habt. Das Schattenkartell hat euch bereits erwartet. Denkt ihr wirklich, dass ihr uns auslöschen könnt?“ Das klang nach einer Drohung, wir stellten uns in Formation auf. Mog, Khûna und Ulig traten nach vorn, Pelok und ich standen einige Schritte hinter ihnen. Die Kristallzwerge, Linnarhan und Foret bildeten die hinterste Reihe. Olthek und Hyrasha standen zwischen uns, in Manndeckung. Ein listiges Lächeln umspielte das aristokratische Gesicht unseres Gegenübers, als er sagte: „Doch nicht so feindselig, werte Besucher.“ Er zwinkerte, zeigte mit dem langen, krallenhaften Zeigefinger seiner linken Hand der Reihe nach auf jeden Einzelnen von uns und zählte. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf. Neun Zwerge, ein Mensch und ein Elf wollen mich und das Kartell aufhalten? Narren.“ Dann lachte er schallend. Seine Augen begannen rötlich zu glühen und erneut fand eine Verpuffung statt, die diesmal blauen Nebel um uns herum aufwirbelte.

 

Die Arme und Beine wurden mir schwer, die Axt glitt mir aus den Händen und ich fühlte mich hilflos. Ich konnte nur willenlos beobachten, was um mich herum vorging. Mog ging schwerfällig auf Khûna zu, als würde er gegen die erzwungen wirkenden Bewegungen ankämpfen. Sie erhob ihre scharfschneidige Axt gegen ihren Mitstreiter, während sie schrie: „Ich will das nicht!“ Ihr innerer und physischer Kampf gegen die fremde Kontrolle war nicht zu übersehen, dennoch ließ der Vampir meine Kameraden gegeneinander kämpfen. Ein schwerer Schlag des Kriegshammers in Mogs Griff landete an Khûnas Knie. Sie knickte ein, schlug im Fallen nach dem Angreifer und erwischte ihn am linken Arm. Blut rann auf das Steinpflaster. Unser „Gastgeber“ amüsierte sich und lachte noch lauter. Ein sonnengelber Lichtstrahl schoss von hinten auf den Vampir zu. In meinem Rücken polterte es, als wäre jemand hingefallen, dann strömte ein grüner Schein nach vorn und überflutete die Krypta. Meine Starre löste sich, der Vampir verlor sein überhebliches Grinsen und fluchte: „Törichter Zwerg, das wirst du büßen!“ Die fahlhäutige Gestalt riss ihre Arme nach oben und murmelte eine unverständliche Beschwörung. Ein dunkler Wirbel entstand, der von seinen Händen ausging und den grünen Lichtstrom verdrängte. Noch einmal zischte ein goldener Lichtbolzen an mir vorbei, der mitten in das Gesicht des Gegners traf und ihn versengte. „Es ist noch nicht vorbei!“, schrie er wie irre und verstärkte den schwarzen Wirbel in seinen Händen, der trotz des Angriffes auf ihn immer noch Bestand hatte. „Nissîn!“, rief Spinella, was soviel wie „Schutzzone“ bedeutete, woraufhin sich eine magische Sphäre um die Gruppe aufbaute, an welcher der schwarze Wirbelsturm des Vampirs abprallte. Ich drehte mich zu ihr um und sah Rognil, von dem das grüne Strahlen erneut ausging, das den Bann von uns genommen hatte. Nun trieb die Naturmagie auf den Angreifer zu, dessen Zauber abbrach und seine Arme sanken herab. „Der Nekromant wird euch in die Schranken verweisen.“, röchelte die geschlagene Gestalt. Khûna nutzte die Gelegenheit und erhob ihre Axt, die sie dem dunklen Wesen entgegen schleuderte. Die große Klinge trennte im Flug den Kopf des Vampirs sauber vom Rumpf und er fiel in sich zusammen. Der uralte Körper zerfiel zu Asche, seine extravagante Kleidung blieb als Haufen auf dem Boden liegen.

 

Alle schnauften hörbar durch. Dann sahen Spigna und Linnarhan nach den Verletzten. Zum Glück hatten die beiden Kristallzwerge schnell auf die Angriffe reagiert und Schlimmeres verhindern können. Khûnas Bein musste geschient werden, Mog bekam einen Verband um seinen Arm. Wir gönnten uns einen Moment der Ruhe, doch der Kopf des Kartells wartete noch auf uns.

 

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